Sheela von Killinaboy in Irland
Seit 550 Jahren thront der so genannte Haingott der Neuenburg hoch oben unter
dem Dachgesims des Wohnturmes. Doch hartnäckig bewahrt die Figur ihr Geheimnis.
Die bisherigen Deutungsvarianten dieses wahrscheinlich frühgeschichtlichen
Götzenbildes gehen von einem slawischen, germanischen oder keltischen Ursprung
aus. Ihren jetzigen Namen bekam die Figur nur von einem vermuteten Fundort, dem
gegenüber der Neuenburg gelegenen Haineberg.
Auch bei einer 2001 stattgefundenen Konservierung brach der rätselhafte
"Haingott" sein Schweigen nicht. Doch konnte bei dieser Gelegenheit festgestellt
werden, dass es sich nicht um eine reliefartige Figur, sondern um eine
Vollplastik handelt, die ca. 80 cm hoch und 50 cm breit ist. Im Mittelalter
wurde die Proportion nachgearbeitet, um den "Haingott" für eine Maueröffnung an
einem früheren Standort in der Neuenburg passend zu machen. Dieser könnte sich
an der Nordwand der Burgkapelle befunden haben.
Nun ist ein neuer Aspekt bei der Beurteilung dieser rätselhaften Figur
hinzugekommen. Der Naumburger Lutz Kühn, seit vielen Jahren mit der Neuenburg
verbunden, brachte auf Grund von vergleichenden Internetrecherchen eine neue
Zuordnungsmöglichkeit in die Diskussion: Sheela-na-Gig-Steinreliefs,
hauptsächlich in Irland und Großbritannien vorkommend, die mehrheitlich
weibliche Figuren mit übertrieben präsentierter Vulva darstellen. Auch einige
männliche Figuren, mit ebenfalls explizit betontem Geschlechtsteil, gehören zu
dieser Gruppe. Zum größten Teil haben sie sich an Kirchen erhalten, wenige
Beispiele findet man an Burgen. Auch auf den Inseln rätselt man über Herkunft
und Bedeutung. Sind es Zeugnisse eines vorchristlichen, keltischen
Fruchtbarkeitskultes oder sind es mittelalterliche Figuren zur Abwehr des Bösen
und der Sünde? Beides könnte richtig sein, denn einige unterscheiden sich in
Material und Darstellung deutlich von den Gebäuden, an denen sie angebracht
wurden. Somit könnten sie ursprüngliche Zeugnisse eines dominierenden keltischen
Fruchtbarkeitskultes sein, der sich in einem tief verwurzelten Volksglauben in
christlicher Zeit fortsetzte und von der Kirche toleriert bzw. bewusst in
abgewandelter Form für die christliche Religion genutzt wurde. Darauf wiederum
verweisen in genau der gleichen Darstellung zu findende "obszöne Skulpturen" an
baueinheitlich zu einer mittelalterlichen Kirche gehörenden Architekturteilen
wie z. B. Portalen oder Kapitellen.
Doch zurück zum "Haingott". Oder ist es vielleicht doch eine Sheela? Rein
optisch ähnelt er einigen dieser Darstellungen; ob männlich oder weiblich kann
man nicht sagen. Diesen Beweis bleibt uns die Figur schuldig, denn der
entscheidende untere Teil fehlt. Möglicherweise ist er im Mittelalter
abgearbeitet worden, da in dieser Zeit der "Haingott" auch einen neuen Sockel
bekam. Andererseits ist es aber ebenso möglich, dass die an der Unterseite der
Figur ausgearbeitete Nut etwas mit der Geschlechtsdarstellung zu tun hatte.
Trotz neuer Überlegungen also bleibt der "Haingott" ein ungelöstes Rätsel –
aber vielleicht macht ihn ja gerade das so interessant?!
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