Sie befinden sich hier:   Home  »  Museum  »  Haingott

Rätselhaftes frühgeschichtliches Götzenbild auf Schloss Neuenburg



Das Rätsel um den Haingott der Neuenburg


Haingott auf Schloss Neuenburg

Der sogenannte "Haingott" zählt zum ältesten Inventar des Schlosses Neuenburg, er ist sogar älter als die Burg. Seit mindestens 450 Jahren thront er in einer vermauerten Türöffnung unter dem Dachgesims des romanischen Wohnturmes vor dem Löwentor.

Der Haingott besteht aus Kalkstein und stellt eine männliche Person dar, die auf einer Art Thron sitzt. Über sein Gesicht zieht sich quer eine Kerbe wie von einem Schlag oder Hieb. In der Zeit der Christianisierung wurden "heidnische Götzenbilder" meist mit einem "Axthieb" über das Gesicht, von rechts nach links geführt, zerstört bzw. entweiht.

Dieses rätselhafte Bildwerk aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit gibt noch heute Anlass zu Spekulationen. Da keine weiteren Fundumstände bekannt sind und entsprechende Vergleichsbeispiele fehlen, ist eine zeitliche Einordnung äußert schwierig. Auch Herkunft und Bestimmung des Haingottes lassen sich nicht belegen. Im Volksmund ist überliefert, daß der Haingott vom Haineberg bei Freyburg stammen soll. Einige Heimatforscher sahen im ihm ein altgermanisches bzw. thüringisches Götzenbild aus vorchristlicher Zeit, das die Gottheit Er, Tyr, Tiu bzw. Ziu darstellt. In neueren Veröffentlichungen wird der Haingott mit keltischen Plastiken in Beziehung gebracht. Bestätigt sich diese Annahme durch eine eingehende Untersuchung von Restauratoren sowie Wissenschaftlern, könnte er in das 2. Jahrhundert v. Chr. datiert werden.



Nach oben

Der "Haingott" - eine Sheela-na-Gig?


Sheela von Killinaboy in Irland

Seit 550 Jahren thront der so genannte Haingott der Neuenburg hoch oben unter dem Dachgesims des Wohnturmes. Doch hartnäckig bewahrt die Figur ihr Geheimnis. Die bisherigen Deutungsvarianten dieses wahrscheinlich frühgeschichtlichen Götzenbildes gehen von einem slawischen, germanischen oder keltischen Ursprung aus. Ihren jetzigen Namen bekam die Figur nur von einem vermuteten Fundort, dem gegenüber der Neuenburg gelegenen Haineberg.

Auch bei einer 2001 stattgefundenen Konservierung brach der rätselhafte "Haingott" sein Schweigen nicht. Doch konnte bei dieser Gelegenheit festgestellt werden, dass es sich nicht um eine reliefartige Figur, sondern um eine Vollplastik handelt, die ca. 80 cm hoch und 50 cm breit ist. Im Mittelalter wurde die Proportion nachgearbeitet, um den "Haingott" für eine Maueröffnung an einem früheren Standort in der Neuenburg passend zu machen. Dieser könnte sich an der Nordwand der Burgkapelle befunden haben.

Nun ist ein neuer Aspekt bei der Beurteilung dieser rätselhaften Figur hinzugekommen. Der Naumburger Lutz Kühn, seit vielen Jahren mit der Neuenburg verbunden, brachte auf Grund von vergleichenden Internetrecherchen eine neue Zuordnungsmöglichkeit in die Diskussion: Sheela-na-Gig-Steinreliefs, hauptsächlich in Irland und Großbritannien vorkommend, die mehrheitlich weibliche Figuren mit übertrieben präsentierter Vulva darstellen. Auch einige männliche Figuren, mit ebenfalls explizit betontem Geschlechtsteil, gehören zu dieser Gruppe. Zum größten Teil haben sie sich an Kirchen erhalten, wenige Beispiele findet man an Burgen. Auch auf den Inseln rätselt man über Herkunft und Bedeutung. Sind es Zeugnisse eines vorchristlichen, keltischen Fruchtbarkeitskultes oder sind es mittelalterliche Figuren zur Abwehr des Bösen und der Sünde? Beides könnte richtig sein, denn einige unterscheiden sich in Material und Darstellung deutlich von den Gebäuden, an denen sie angebracht wurden. Somit könnten sie ursprüngliche Zeugnisse eines dominierenden keltischen Fruchtbarkeitskultes sein, der sich in einem tief verwurzelten Volksglauben in christlicher Zeit fortsetzte und von der Kirche toleriert bzw. bewusst in abgewandelter Form für die christliche Religion genutzt wurde. Darauf wiederum verweisen in genau der gleichen Darstellung zu findende "obszöne Skulpturen" an baueinheitlich zu einer mittelalterlichen Kirche gehörenden Architekturteilen wie z. B. Portalen oder Kapitellen.

Doch zurück zum "Haingott". Oder ist es vielleicht doch eine Sheela? Rein optisch ähnelt er einigen dieser Darstellungen; ob männlich oder weiblich kann man nicht sagen. Diesen Beweis bleibt uns die Figur schuldig, denn der entscheidende untere Teil fehlt. Möglicherweise ist er im Mittelalter abgearbeitet worden, da in dieser Zeit der "Haingott" auch einen neuen Sockel bekam. Andererseits ist es aber ebenso möglich, dass die an der Unterseite der Figur ausgearbeitete Nut etwas mit der Geschlechtsdarstellung zu tun hatte.

Trotz neuer Überlegungen also bleibt der "Haingott" ein ungelöstes Rätsel – aber vielleicht macht ihn ja gerade das so interessant?!



Nach oben

Literaturhinweis

Sollte Ihr Interesse am "geheimnisumwitterten" Haingott der Neuenburg geweckt worden sein, so empfehlen wir Ihnen einen ausführlichen Artikel von der Kustodin des Museums Schloss Neuenburg, Frau Kordula Ebert, der im Mitteilungsheft Nr. 2 "Unsere Neuenburg" des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e. V. erschienen ist.

Sie erhalten dieses Mitteilungsheft wie auch eine Vielzahl weiterer Publikationen von der und über die Neuenburg in unserem Museumsladen.



Nach oben

Reinigung und Restaurierung der Plastik


Im Herbst 2000 wurde der Haingott auf Bitten und durch Finanzierung des Europäischen Kultur- und Informationszentrums in Thüringen aus seiner Nische im Wohnturm ausgebaut. Als Leihgabe war er in der Ausstellung "Bilderwandel durch Religionswandel" in Erfurt zu besichtigen.

Erstmals konnten Wissenschaftler, Steinrestauratoren und Interessierte dieses wertvolle Bildwerk aus nächster Nähe betrachten. Da der Kalkstein durch Umwelteinflüsse verwittert sowie durch Exkremente von darüber sitzenden Vögeln stark verunreinigt war, erfolgte im Frühjahr 2001 vor dem Wiedereinbau in den romanischen Wohnturm eine Reinigung und Restaurierung.

Auch der Verein zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e. V. nutzte diese einmalige Gelegenheit, um eine Kopie des herausragenden Stückes anfertigen zu lassen, die seitdem im Erdgeschoss des Bergfrieds "Dicker Wilhelm" zu besichtigen ist.



Nach oben

Wiedereinbau des Haingottes nach seiner Konservierung

Zurück     Start     Stopp     Weiter

 


Nach oben

Letzte Aktualisierung am 06.04.2010