Müntzers Stern

Klangliche Präsentation mit Fagott-Solo und Textzuspielung

Fagottistin Dafne Vicente-Sandoval

Prof. Dr. Jakob Ullmann

Ende 2014 erhielt ich eine einladung, ein grösseres werk für das basler münster zu schreiben, das 2017 aufgeführt werden soll. Schon nach kurzer zeit der vorbereitung habe ich mich entschieden, dieses werk als summe einzelner solo- und ensemblestücke, von denen einige auch separat aufführbar sind, zu konzipieren.

Das stück „Müntzers stern“ wird als fagott-solo in das grössere werk eingefügt werden.

Da der wunsch bestand, dass das werk etwas mit basel, möglichst auch dem basler münster zu tun haben sollte, habe ich nach texten und personen gesucht, die im gesamten konzept des stückes eine rolle spielen könnten. Für das fagott-solo benutze ich in diesem sinne zwei – vermutlich miteinander zusammenhängende – historische ereignisse: der deutsche reformator Thomas Müntzer war im späten jahr 1524 in süddeutschland, um eigene werke drucken zu lassen und mit vertretern der bauernbewegung zusammenzutreffen. An der jahreswende zum jahr 1525, also ein halbes jahr vor seinem gewaltsamen tod nach der schlacht bei frankenhausen, hat sich Müntzer auch in basel aufgehalten und wurde vom basler reformator Johannes Oekolampadius empfangen. Letzterer stand der theologischen position des deutschen, vor allem aber seinem sozial-revolutionären engagement kritisch gegenüber; Müntzer scheint es jedoch gelungen zu sein, den basler theologen von der ernsthaftigkeit und der berechtigung seiner theologischen forderungen zu überzeugen. Vielleicht in zusammenhang mit diesem aufenthalt Müntzers in basel ist eine abschrift einer übersetzung des mittelalterlichen liedes „Conditor alme siderunt“ enstanden, die sich heute – mit einigen übersetzungen von Lutherliedern gebunden in ein cantionale der karthäuser, das dem letzten basler mönch Thomas Kress gehört hat – in der universitätsbibliothek basel befindet.

Die melodie des von Müntzer übersetzten und heute noch in der katholischen wie protestantischen kirchen gebräulichen liedes („Gott, heilger Schöpfer aller Stern“) liegt dem faogtt-solo zugrunde. Alle töne, die im laufe des stücke erklingen, sind – zum teil in stark abgeleiteter form – aus der melodie des liedes gewonnen. Diese töne sind nur sparsam mit geräusch- und mehrklängen des instruments und des atems der fagottistin umgeben.

Um die ausserordentliche leisigkeit des stückes erreichen zu können, hat die Dafne Vicente-Sandoval neue spieltechniken für ihr instrument ausprobiert und weiterentwickelt. Diese spieltechniken erfordern nicht nur eine immense – wenn auch unhörbare! – virtuosität im umgang mit dem instrument, sie führen auch zu ergebnissen, die selbst bei intensiver vorbereitung und exzellenter kenntnis des fagotts nicht immer mit sicherheit verfügbar sind. Das klangergebnis ist daher immer auch ergebnis einer bestimmten situation und der resonanz eines bestimmten raumes.

Ergänzt wird der klang des fagotts durch die zuspielung eines textes von Thomas Müntzer, den die interpretin zweimal aufgenommen hat. Beide aufnahmen sind übereinandergelegt, so dass zwar die sprachliche struktur der 14 paragraphen des textes „vom getichten glawben“ von Thomas Müntzer hörbar wird, die einzelnen worte sich aber der verständlichkeit entziehen. Auf diese weise wird die tatsache reflektiert, dass die theologische position des bedeutenden predigers und theologen schon zu seinen lebzeiten, zwar gehört, aber weder wirklich verstanden noch rezipiert wurde. Auch seine protestantischen zeitgenossen haben sich von Müntzer vehement distanziert, so dass sein werk und denken nur bruchstückhaft und in verzerrter form überliefert wurde.

Die räumliche situation der doppelkapelle auf schloss neuenburg ist für die klangliche präsentation des stückes geeignet: die leisen töne des fagotts resonieren im unteren teil der kapelle besonders gut, der text erscheint wie aus grosser ferne durch das loch aus dem oberen bereich der kapelle.

Trotz der dicken mauern und die abgeschiedenheit der kapelle im hof der burg wird es nicht ausbleiben, dass geräusche von aussen oder selbst aus dem kapellenraum die aufführung begleiten. Auch wenn das publikum gebeten ist, sich möglichst still zu verhalten, werden solche momente – vielleicht ist es ein vogel, der von aussen ruft, vielleicht knackt das holz des raumes – die einbettung des extrem leisen in eine klangliche wirklichkeit erfahrbar machen, die ansonsten von immer lauteren geräuschen geprägt ist.

Die relativ lange dauer von 50 minuten ist notwendig, damit sich das ohr an die leisen töne gewöhnen kann, erst nach und nach ist unsere klangwahrnehmung in der lage, statt des üblichen ausschlusses von störendem lärm sich der brüchigkeit, aber auch dem reiz der klangphänomene am rande der hörbarkeit zu öffnen. Als geländer beim hören wirken dann nicht erklärungen oder äussere hinweise, sondern das ohr selbst ist der führer in eine welt, die uns im alltag mehr und mehr verschlossen bleibt.