Das Freyburger Aquamanile

Zum Tag der Handhygiene:

Am 5. Mai ist der Tag der Handhygiene und deshalb steht heute ein ganz besonderes Handwaschgerät aus dem Umfeld der Neuenburg im Mittelpunkt unserer Betrachtung.

Als Papst Urban II. in Clermont im Jahre 1095 zum Ersten Kreuzzug aufrief, war nicht absehbar, dass ein befruchtender geistig-kultureller Transfer vom islamischen Orient ins Abendland stattfinden würde. Neben weiterem Wissen um Medizin und Mathematik gelangten neue Impulse für Handwerk und das kulturelle Leben auf diese Weise nach Europa.

Zu diesen innovativen Ideen gehörten auch die Handwaschgeräte figürlicher Ausformung, die bereits die römische Antike kannte und deren Weiterentwicklung sich vom Morgenland in den Okzident vollzog. Der heute geläufige Terminus Aquamanile (von lateinisch aqua = Wasser und manus = Hand) ist schon aus Mittelalter überliefert, wird jedoch erst seit dem 19. Jahrhundert ausschließlich für das figürliche Gießgefäß verwendet. Ursprünglich gehörte zu diesem eine Schale, die das Wasser auffing. Bisher ist es der Fachwelt jedoch nicht gelungen ein Aquamanile einer, ebenfalls künstlerisch gestalteten Schale zuzuordnen. So etwas wie ein ‚Service’ gab es  noch nicht.


Zu den raren mittelalterlichen Darstellungen, die den Ritus der Handwaschung mit einem figürlichen Gießgefäß zeigen, gehört der Psalter von Bonmont. Der in der Mitte des 13. Jahrhunderts entstandene Psalter zeigt Pilatus die Hände in Unschuld waschend. Dabei wird bereits deutlich, dass dem Prozess etwas Sakrales anhaftete. So ist es nicht verwunderlich, dass Aquamanilien im Rahmen der Eucharistie als Altargerät verwendet wurden. Aber auch im profanen Bereich fanden sie alsbald an der höfischen Tafel Verwendung. Die Kenntnisse über das Händewaschen an der Tafel sind eng mit dem Aufkommen der Tischsitten im 12. Jahrhundert verknüpft.  Ab diesem Zeitpunkt gehörte das Säubern der Hände bei Tisch zu einer festen Gepflogenheit im Verlaufe eines Mahls und erhielt dadurch eine besondere soziale Bedeutung. Neben rituellen bzw. standesbedingten Anknüpfungen diente es ebenso der Aufrechterhaltung einer gewissen Hygiene bei Tisch. Denn aufgrund der späteren Erfindung der Gabel und ihrer noch späteren Einführung in die Tafelkultur wurde hauptsächlich mit den Fingern gegessen. Die Möglichkeit sich die schmutzigen Hände nach, vor oder während des Essens mit Wasser reinigen zu können, muss als wahrer Luxus angesehen worden sein. Daher überrascht es nicht, dass das Waschen der Hände unter „fließendem“ Wasser nur bestimmten sozialen Schichten vorbehalten war.

Später neigte auch das obere Bürgertum dazu sich diese Lebensform des Adels anzueignen. So fand im Verlauf des Mittelalters das Aquamanile Eingang in dessen Lebenswelt. Mit dem Aufsteigen neuer Schichten in den Adel entstanden bereits nach 1250 zahlreiche Tischzuchten, die über gutes Benehmen an der Tafel unterrichteten. Offensichtlich waren sie notwendig geworden, um ‚Neureichen’ und in den Adelsstand Erhobenen Manieren sowie ein angemessenes Verhalten beizubringen. Sie legen zudem bis heute ein beredtes Zeugnis der Tafelkultur ab und zeigen eindrücklich die beim Bankett herrschende Hierarchie auf. So war es u. a. geregelt, in welcher Reihenfolge sich die Teilnehmer die Hände waschen durften und wie der Vorgang durchzuführen sei.

Auf Grund der Nutzung der Aquamanilien im sakralen sowie im profanen Bereich fällt die Zuordnung der einzelnen Stücke schwer. Die vornehmlich aus Bodenfunden bekannten und zum Großteil nur fragmentarisch erhaltenen Aquamanilien aus Keramik stammen höchstwahrscheinlich aus bürgerlichen und adeligen Haushalten, wohingegen jene aus Bronze sowohl in der Liturgie als auch an der Tafel des Adels Verwendung gefunden haben. Die ikonografische Zuweisung, also die Bestimmung über das Motiv, ist nur in den seltensten Fällen nachvollziehbar, ist doch auch die profane Lebenswelt des mittelalterlichen Menschen durch und durch religiös geprägt.

Ein Großteil der bronzenen Aquamanilien zeigt eine Löwengestalt, welche in ihrer Bedeutung vielfältig und unentschlüsselt ist. Der Löwe kann als Sinnbild für Christus wie auch für den Antichristen, für den Evangelisten Markus sowie als apotropäisches Zeichen, aber auch als Herrschaftszeichen oder heraldisches Symbol verstanden werden. Bei den keramischen Handwaschgeräten erfreuen sich Pferde und Reiter einer großen Beliebtheit und diese verweisen zudem auf den profanen Kontext.


Die keramischen Aquamanilien waren mit großer Sicherheit für den profanen Gebrauch bestimmt. Ihre Ausformung orientierte sich stark an denen aus Bronze, doch fand sich rasch eine eigene Formensprache und Darstellungsweise. Da es sich hierbei um Gebrauchsware handelt, sind sie uns nur archäologisch, meist in einzelne Scherben zerbrochen, bekannt. Auch aus dem mitteldeutschen Raum stammen zwei keramische Aquamanilen, die heute die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt verwahrt. Das eine befindet sich im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) und wurde in der Schkeuditzer Paradiesgasse gefunden. Bei dem Aquamanile handelt es sich um einen Turnierreiter mit Lanze zu Ross. Das zweite Handwaschgefäß wurde 1964 bei Baggerarbeiten in der Unstrut zwischen Freyburg und Nißmitz entdeckt. Heute gehört es zum Sammlungsbestand des Museums Schloss Neunenburg und zeugt von der hochmittelalterlichen Lebenswelt in der Dauerausstellung "Burg und Herrschaft". Es stellt einen Reiter samt Pferd dar. Die Lagerung in der Unstrut hat zahlreiche Spuren an dem Stück hinterlassen, wodurch sein Zustand nur noch als fragmentarisch beschrieben werden kann. So ist zwar der Reiter kaum noch zu erkennen, doch deutlich ist noch das Zaumzeug des Pferdes zu sehen. Es ist dem 13. Jahrhundert zuzuordnen und zeigt noch Reste einer Glasur. Vielleicht hat es einem Bewohner der Neuenburg gehört und kam an der landgräflichen Tafel zum Einsatz, bevor es an der Unstrut verloren wurde.  Doch genaueres zu diesem Fundstück ist nicht bekannt.


Ab dem späten 15. Jahrhundert gerieten die Aquamanilien zusehends außer Mode. Als Gründe für ihr abruptes Verschwinden können u. a. die „Wiederentdeckung“ von Krug und Schüssel für die Handwaschung als auch der Aufkommen der an der Wand befestigten oder in einem Büffet integrierten Gießfässer angesehen werden. Doch leisteten vor allem die mittelalterlichen Aquamanilien aufgrund ihrer Funktion einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung und Verfeinerung der Tischsitten. Zugleich waren sie ein Standessymbol, das dazu diente sich von anderen gesellschaftlichen Schichten abzuheben und abzugrenzen.



Empfehlenswerte Literatur:

Bloch, Peter: Aquamanilien. Mittelalterliche Bronzen für den sakralen und profanen Gebrauch, Genf 1981.

Ebert, Kordula: Das besondere Exponat  - Das Aquamanile. In: Unsere Neuenburg. Mitteilungen des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e. V., Freyburg 2004, S. 46-48.

Hütt, Michael: „Quem lavat unda foris...“ Aquamanilien. Gebrauch und Form (Univ.-Diss. Marburg 1989), Mainz 1993.

Stephan, Hans-Georg: Aquamanilen – Figürliche Gießgefäße aus Keramik. Typologie, Chronologie, Gedanken zu Funktion, Verbreitung und Materialität eines mittelalterlichen Tafelgeräts und Statussymbols. In: Atzbach, Rainer et al. (Hgg.): Archäologie – Mittelalter – Neuzeit – Zukunft. Festschrift für Ingolf Ericsson (Bamberger Schriften zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 6), Bonn 2017, S. 521-568.