Elisabeth

Eine Fürstin im Dienste der Armen - zum Gedenktag der Heiligen Elisabeth von Thüringen

 

Elisabeth von Thüringen zählt zu den eindrucksvollsten Gestalten des Mittelalters. Die ungarische Königstochter (1207–1231) war Gemahlin Ludwigs IV., weilte als Landgräfin mehrfach auf der Neuenburg und wird aufgrund ihres Einsatzes für die Armen und Schwachen bis heute verehrt. Anlässlich des Gedenktages am 19. November stellen wir Euch dieses Mal ein Kunstwerk des Spätmittelalters vor.

 

Heute sind unmittelbar vor dem Eingang in das Obergeschoss der Doppelkapelle, in den Betstuben, zwei Tafelmalereien ausgestellt. Sie gelangten als Schenkung aus einer Privatsammlung auf die Neuenburg. Die beiden Tafeln gehörten ursprünglich zu einem Retabel (Altaraufsatz) und bildeten den linken Flügel. Dafür spricht die ihre Ausrichtung nach rechts und damit zum Zentrum des wohl dreiteiligen Kunstwerks. Sein gesamtes Bildprogramm lässt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren.

Im geschlossenen Zustand zeigte der Altaraufsatz eine Verkündigungsszene: Von links kommt der Erzengel Gabriel auf Maria zu und verkündet ihr, dass sie den Sohn des Heiligen Geistes empfangen und gebären werde. Dementsprechend wäre auf der Außenseite des rechten Altarflügels eine Mariendarstellung zu erwarten – leider konnte bisher noch nicht die zugehörige Einzeltafel aufgespürt werden.

In dieser vor einem nächtlichen Sternenhimmel stattfindenden Episode aus dem Marienleben schwebt der Engel der Verkündigung regelrecht über dem Boden. Gold-blonde Locken umschmeicheln das jugendlich-freundliche Gesicht. Die Rechte zum Segensgruß erhoben, hält er in der Linken einen Kreuzstab. Sein Haupt gerahmt wird von einem mehrfach gewundenen Schriftband gerahmt, auf welchem geschrieben steht: "Ave gratia plena dominus tecum" (Gegrüßet seist du, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.) Der Gruß ist unvollständig, denn üblicherweise schließt sich an das "Ave" noch der Name "Maria" an, auf was unser spätmittelalterlicher Künstler wohl aus Platzgründen verzichtet hat.

 

Wurde der Altaraufsatz nun geöffnet, so war auf dem linken Flügel die Heilige Elisabeth zu sehen. Sie steht unter einem Bogen in einem undefinierbaren Raum mit einem petrolblauen Hintergrund auf einem schachbrettartigen Fußboden aus Fliesen oder Steinplatten, der unmittelbar vor in einer Stufe abbricht. Die entstehende Kante ermöglicht dem Künstler nicht nur das Drapieren des Gewandes über selbige, sondern zusammen mit der Verschattung der Stufe einen stärkeren Eindruck von Räumlichkeit.

Elisabeth selbst steht und ist in ihrer Gesamtheit nach rechts, zum verloren gegangenen Zentrum des Retabels ausgerichtet. Ihr Kopf ist, wie auch ihr Blick, leicht gesenkt und mit einer voluminösen Haube bedeckt, die lediglich hinter dem rechten Ohr den Blick auf ihr blondes Haar freigibt. Ihre gesamte Körperlichkeit ist nur unter ihrem schweren Brokatgewand zu erahnen. Auf den Schultern der hl. Elisabeth liegt ein schwerer roter, bis zum Boden reichender Mantel mit einem gewirkten doppelten Goldsaum.

Als die 1235 heiliggesprochene Thüringer Landgräfin ist Elisabeth neben der Aufschrift über ihrem goldenen Heiligenschein auch durch die Attribute in ihren Händen zu identifizieren. So hält sie in der Rechten eine Kanne mit Deckel am Griff und mit der Linken stützt sie eine Schale mit zwei Fischen. Beides steht für ihre tätige Nächstenliebe und Fürsorge, versorgte sie doch die Armen und Kranken mit Speis und Trank.

Dieser Altarflügel steht in der etablierten Bildtradition der Elisabethdarstellungen und ist ein exemplarisches Zeugnis der Verehrung der Heiligen, die auch in der von enormer Frömmigkeit geprägten Zeit um 1500, also am Vorabend der Reformation, von einer großen Ausstrahlung geprägt ist.