Hamburger Schapp

Zu groß für die Neubauwohnung – ein "Hamburger Schapp"

 

Unter dem reichhaltigen Sammlungsbestand an Möbeln, die sich im Museum Schloss Neuenburg befinden und die viele Gäste bei ihrem Rundgang durch das Haus immer wieder ob ihrer Besonderheiten staunend betrachten, gehört auch ein beeindruckender norddeutscher Hallen- oder Dielenschrank aus der Zeit um 1700, ein sogenannter „Hamburger Schapp“. Er genießt ein eher geruhsames Dasein, denn für den Besucher ist er allenfalls bei einer Führung oder in Rahmen von offiziellen Veranstaltungen und Feierlichkeiten zugänglich, da er sich im „Festsaal“ des barocken Fürstenbaus befindet. Daher soll das barocke Möbel in den vorliegenden Betrachtungen als besonderes Exponat näher vorgestellt werden.

Mit einer Höhe von 257 cm, einer Breite von 225 cm und einer Tiefe von 84 cm zeigt sich der „Hamburger Schapp“ sehr imposant. Sein nußbaumfurnierter Eichenholzkorpus ruht auf fünf gedrückten und ebonisierten Kugelfüßen. Das Sockelgeschoss besteht aus einer großen Schublade, die optisch jedoch durch plastisch hervortretende Füllungen und zinnerne Beschläge zweiteilig gegliedert ist. Darüber erhebt sich das durch Pilaster architektonisch gegliederte zweitürige Hauptgeschoss, dessen Türfelder durch je ein spitzovales und reich profiliertes Feld gegliedert sind. Seinen krönenden Abschluss findet das Möbel in einem mächtig vorkragenden, gerade verlaufenden und reich profilierten Gesims. Besonders bemerkenswert sind jedoch das reiche plastische Ornament und die Vielzahl von figürlichen Schnitzereien in der Mitte von Abschlussgesims, an den drei Pilastern sowie in den Zwickeln der Türfelder und dem Ladengeschoss.

 

Repräsentationsmöbel der Kaufleute

In seiner Monumentalität ist der „Schapp“ ein typischer Vertreter des barocken Möbels. „Schapp“ ist ein Begriff aus dem Niederdeutschen und bedeutet nichts Anderes als „Schrank“. Die Kunstgeschichte definiert unter diesem Begriff einen großen zweitürigen Hallenschrank aus dem Hanseraum. In der Barockzeit ist der Schrank das Hauptmöbel des vermögenden Bürgertums. Das sich nach dem Dreißigjährigen Krieg normalisierende Handwerk, die wachsenden (See-) Handelsbeziehungen zwischen den großen Monarchien begünstigte den ansteigenden Wohlstand und die gesellschaftliche Stellung der etablierten Kaufmannsfamilien. Wie auch der Adel legten sie großen Wert auf Repräsentation, die sich in der Ausstattung ihrer Häuser widerspiegelte. Wenn ein Gast oder ein Handelspartner einen Haushalt betrat, konnte er häufig in der Eingangshalle einen imposanten Schrank bewundern, in dem die Wäsche für die Tafel oder die der Familie aufbewahrt wurde. So gehörte der Hallenschrank zu den bedeutendsten Repräsentationsmöbeln eines Hauses, versinnbildlichte er doch durch seine mächtigen Proportionen und seine kunsthandwerklich hervorragende Verarbeitung Macht, Einfluss und Reichtum des Eigentümers.

 

Niederländisches Vorbild

Seine Vorläufer findet der Hallenschrank in den architektonisch gegliederten Fassadenschränken der Spätrenaissance. Meist zweigeschossig, entstand dieser Typus in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und wurde vor allem in Süddeutschland bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts verwendet. Textilien, ob Wäsche oder Garderobe, konnten durch die kleingliedrige Innenraumgestaltung nur liegend darin gelagert werden. Die immer komplizierter werdende Mode, die Feinheit der Stoffe erlaubte jedoch eine liegende Lagerung nicht mehr, da die Stoffe leicht zerknitterten, so dass sich die hängende Aufbewahrung etablierte. Dies erforderte auch die Entwicklung eines Schrankes mit vertikaler Gliederung. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts ändert sich nun der Möbelstil. Die zweigeschossige viertürige Gliederung wird zugunsten eines zweitürigen Korpus aufgegeben. Es bleibt nur ein niedriges Sockelgeschoss mit zwei oder einer Schublade. Eine bedeutende Neuerung ist zudem die Zerlegbarkeit, denn das Hauptgeschoss besteht nun aus mehreren Einzelteilen, die mittels Steckverbindungen von Sockel und Kranzgesims zusammengehalten werden. Der Transport der schweren Möbel wurde so massiv erleichtert. Eine konstruktive Meisterleistung, die bis weit in das 20. Jahrhundert Verwendung finden sollte.

Im Norddeutschen Raum wird außerdem das massiv geschnitzte Eichenmöbel durch furnierte Stücke abgelöst. Der Schreiner oder Tischler wird so unabhängiger von der Arbeit des Holzbildhauers und die Maserung des Furniers zum besonderen Gestaltungsmittel. Eine Entwicklung, die als Voraussetzung für die hohe Möbelkunst des folgenden 18. Jahrhunderts anzusehen ist. Als architektonisches Motiv werden keine vertieften Felder mehr, sondern kräftig aus der Fläche hervortretende erhabene bossenartige Füllungen verwendet, die auch als „Kissen“ bezeichnet werden. Ihre Verwendung als Füllelement ging zu Beginn des 17. Jahrhunderts von den Niederlanden aus. Die niederländischen Schränke zeigten zuerst vorspringende Bossen, die gewöhnlich in dunkler Farbe abgesetzt waren. Niederländische Möbel wurden nicht nur in großen Mengen in den norddeutschen Raum eingeführt, sondern die norddeutschen Tischler fertigten ebenso eine Vielzahl von Schränken nach niederländischem Vorbild. Zudem waren Handwerker und Künstler aus dem niederländischen Raum auch im hanseatischen Raum, zum Beispiel in Danzig ansässig. Die Verwendung der Bosse als gliederndes Element fand so zunächst im Norddeutschen Raum Anklang, ehe sie sich bald auch im Rheinland und in Franken etablierte. Die Norddeutsche Möbelkunst aber entwickelte mit dem „Schapp“ die holländische Vorlage ab ca. 1680 zu einem eigenen Typus, der bis ca. 1750 hergestellt wird und seine Hochzeit um 1700 findet.

 

Reiches Ornament an monumentalem Korpus

Die Möbelstilkunde unterscheidet hierbei den Hamburger, Lübecker und Danziger Schapp.  Die Ortsangabe wird dabei jedoch nicht als Herstellungsort, sondern vielmehr als Typenbezeichnung verwendet, denn Schränke der genannten Typen kommen in allen norddeutschen Hansestädten vor. Wann die Bezeichnungen „Danziger“ und „Lübecker Schapp“ aufkommen, ist nicht geklärt. Der Begriff „Hamburger Schappes“ wird jedoch  bereits erstmals 1707 in Johann Christian Senckeisens „Leipziger Architectur- Kunst- und Seulen-Buch“ genannt.


Augenscheinlichstes Unterscheidungsmerkmal ist die Form des Giebels. Während der Hamburger Schapp einen gerade verlaufenden Giebel aufweist, zeigt sich der des Danzigers trapezförmig. Zudem hat der Lübecker Hallenschrank einen geschweiften Giebel. Allen drei Typen sind jedoch die Verwendung von Furnier sowie reichhaltigem floralen und figürlichen Schnitzwerk an Türfeldern und Gesims gemeinsam. Als verwendetes Material war Nussbaum wegen seiner schönen Maserung und edel wirkenden Farbe im Barock besonders beliebt. Bei Meisterstücken war die Kombination aus Nussbaum und Eichenholz sogar verbindlich. Das Material Holz begünstigte die Umsetzung barocker Elemente in den Schnitzereien in ihrer ganzen Fülle und Verspieltheit.

Der bereits erwähnte Johann Christian Senckeisen erwähnt in seinem Werk nicht nur die Größe und Proportionen eines Hamburger Hallenschranks sondern er beschreibt auch die Gestaltung der Schnitzereien folgendermaßen: „ […] In dem geschnittenen Krantzstück wird insgemein eine Bieblische Historia vorgestellet und werden auch die Capitaele selten mit Blättern sondern meistentheils mit Brust-Bildern oder Tiehren gemacht / die Eckstücken werden sehr flach geschnitten / und sind entweder die vier Jahres Zeiten oben / und die vier Elemente unten / oder ist auch umgekehrt.“ Tatsächlich sind diese Beschreibungen wohl nur als Gestaltungsvorschläge zu verstehen, denn kaum ein Schapp gleicht bei den Schnitzereien dem anderen.  Neben den erwähnten Allegorien wurden häufig auch antike Gottheiten und biblische Figuren dargestellt.

Bei dem Hallenschrank im Bestand der Neuenburg lässt sich so nur die genannte biblische Szene vergleichen, denn in der Mitte des Kranzgesims befindet sich, eingerahmt von zwei  Engelsfiguren inmitten von reichem Akanthusblattwerk,  eine Darstellung der Mutter Gottes mit dem Jesuskind.

Die die Front gliedernden Pilaster sind nahezu vollkommen durch rankendes Blattwerk und darin verwoben wirkenden Putten und Frauenfiguren aufgelöst. Die Kapitelle zeigen antikisierte weibliche Büsten. Die spitzovalen profilierten Füllungen der Türfelder sind mit jeweils einer Girlande aus Blattwerk und Figuren besetzt, die in den oberen Spitzen in von Putten gehaltenen Kronen münden. Besonders interessant ist jedoch das Schnitzwerk in den Zwickeln der Türfelder. So lassen sich in den unteren Feldern Engelfiguren ausmachen.

Jeder Engel trägt eines der „Arma Christi“ bei sich: das Kreuz, ein Stab mit dem Essigschwamm, eine Leiter und die Lanze. In den oberen äußeren Feldern erkennen wir zwei Frauenfiguren. Rechts könnte es sich um eine Darstellung der „Ecclesia“ als Versinnbildlichung des Neuen Testamentes handeln, links um ihr Gegenstück „Synagoge“ als Symbol für die alttestamentarischen Gesetze.

Ihnen gegenüber befinden sich wiederum in den inneren Feldern zwei männliche Darstellungen. Im linken oberen Feld handelt es sich dabei um die antike Gottheit Hermes oder Merkur, erkennbar an seiner geflügelten Sandale und dem mit zwei Schlangen umwundenen Caduceus, dem Hermesstab. Die rechte männliche Figur ist nicht eindeutig zuzuordnen, jedoch könnte es sich durch die dargestellte Rüstung, Bewaffnung und kriegerische Haltung um den Gott Mars oder Ares handeln.

Zu Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Typ des Hallenschranks zugunsten feinerer und leichter wirkenden Möbel aufgegeben und weiterentwickelt. Dennoch versinnbildlicht das hier vorgestellte Möbel auch heute noch eindrucksvoll das herrschende Repräsentationsbedürfnis in seiner Entstehungszeit. Es zeigt durch die Fülle der verwendeten und miteinander kombinierten Elemente nicht nur die Verspieltheit und zugleich Monumentalität der barocken Formensprache, sondern auch das Interesse an Antike und Christentum, das hier durch die Schnitzkunst auf vielfältige Weise visualisiert wurde. Den Auftraggeber im Hintergrund, schufen hier die Kunsttischler des Barock ein einzigartiges Meisterwerk, das entdeckt werden will.

(Text: Ellen Keindorff)

 

Details des reichhaltigen Bildprogramms und der Ornamentik

 

 

Empfehlenswerte Literatur:

Dewiel, Lydia L.: Deutsche Möbel des Barock und Rokoko. Möbeltypen und -arten aus dem 17. und 18. Jahrhundert, München 1975.

Kreisel, Heinrich/Himmelheber, Georg: Die Kunst des deutschen Möbels: Möbel und Vertäfelungen des deutschen Sprachraums von den Anfängen bis zum Jugendstil. 1. Band: Von den Anfängen bis zum Hochbarock, München 1981.

Senckeisen, Johann Christian: Leipziger Architectur-, Kunst- und Seulen-Buch. Leipzig, 1707.